25.11.2015

Nur mal am Rande: „Die Sache mit der Überwinterung“


Johannes Kraut erzählt uns dieses Mal – wie gewohnt mit äußerst spitzer Feder – den Tagesablauf der Gärtner, oder besser gesagt der Muskel-Männer, vom Überwinterungsservice. Wir dürfen gespannt sein, was Johannes Kraut nun mit seinem „Scharfsinn“ so alles beobachten konnte. Viel Freude beim Lesen!

„5. Stock, Dachterasse, kein Aufzug …“

Seit einigen Jahren bietet die Firma Pflanzen-Kölle das fachgerechte Überwintern von Kübelpflanzen an. Dazu fährt aus jeder Filiale ein kleines Team zu unseren Kunden nach Hause und holt die Pflanzen ab. Auch ich hatte das Vergnügen, mehrere Jahre einem solchen Team anzugehören. Sie fragen sich wahrscheinlich, warum diese anstrengende Tätigkeit ein Vergnügen sein soll. Die Antwort darauf ist einfach. Es gibt kaum eine vergleichbare Tätigkeit, bei der man so vielen verschiedenen Menschen, so vielen verschiedenen Schicksalen, Wohnsituationen und Überraschungen begegnet. So eine bunte Kundschaft hat höchstens noch ein Bestatter, aber bei dem sind die Gäste doch etwas wortkarg.

 

Fangen wir mit der Besetzung des Überwinterungsteams an. Schon allein das ist eigentlich eine Kolumne für sich. Sie brauchen Mitarbeiter mit Fahrvermögen, Orientierungssinn, Improvisationstalent, schier unerschöpflicher körperlicher Robustheit, Menschenkenntnis, Stress-und Frustrationstoleranz und hohen administrativen Fähigkeiten. Sprich, es werden Mitarbeiter aus den Gartencentern rekrutiert. Und weil deren Alltag niemand mitbekommt, möchte ich an dieser Stelle einen exemplarischen Arbeitstag eines Überwinterungsteams schildern. Ich überzeichne hierbei gelegentlich, sage aber natürlich nicht an welcher Stelle. Finden Sie es einfach heraus! 9:00 Uhr Wir kommen bei der Arbeit an. Die Damen vom Kundenservice übergeben uns die vorbereiteten Überwinterungsunterlagen mit einem mitleidigen Lächeln. Ich glaube, so wird man auch angelächelt, wenn man die letzte Ölung bekommt. Der Tourenplan für den heutigen Tag hat epische Dimensionen. Das Gehirn verarbeitet diese Information sofort in „Essen beim Fahren“, „Abladen im Dunkeln“ und „ein Tempolimit ist ein ungefährer Richtwert“.

 

9:30 Uhr

Endlich haben wir unser Zeug zusammen. Mobiles EC-Gerät, Messstab, Wechselgeld und, und, und. Wird auch Zeit, denn der erste Kunde erwartet uns bis 10 Uhr. Ich nehme mir noch einen Kaffee mit, beschließe aber ihn nicht in den Becherhalter zu stellen, damit ich mir noch ein wenig die Hände daran wärmen kann. Ist mal wieder affenkalt. Ich bin in der Rolle des Beifahrers.

 

9:45 Uhr

Ich versuche seit 15 Minuten, mir den Kaffeefleck vom Hosenbein zu reiben. Warm ist mir jetzt. Wenn auch nicht gerade an den Händen.

 

9:59 Uhr

Ankunft beim ersten Kunden. Auf das „Sie sind aber spät ran“ kontere ich mit „einen wunderschönen Guten Morgen“. Leichtes Programm: 3 Oleander auf der Terasse, prima geeignet zum Aufwärmen. Nach 10 Minuten sind wir wieder weg.

 

10:28 Uhr

Nobelwohngebiet. Die akkurat geschnittenen Buchshecken scheinen fast Angst zu haben, aus der Form zu wachsen. Gegenüber wäscht der Nachbar seinen Zuffenhausener Sportwagen. Er hält kurz inne und mustert uns eingehend. Wir gehören nicht hierher und ich mit meinem Kaffeefleck auf der Hose erscheine nochmal zusätzlich suspekt. Wir betreten ehrfürchtig das Haus. Für den vorhandenen Aufzug sind wir aber auf jeden Fall mal dankbar. Wir werden erwartet. Eine Dame mittleren Alters, ganz in weißen Sportsachen, öffnet uns die Türe. Wir betreten die Wohnung ehrfürchtig und durchqueren sie so dezent wie möglich in Richtung Balkon. Die Wohnung ist komplett weiß. Hellweiß. Das weißeste Weiß, das ich jemals gesehen habe. Um nicht völlig zu erblinden, klammern sich meine Augen an die schwarzen Punkte einer 150cm großen Dalmatinerstatue. Der Balkon ebenfalls ein Traum in Weiß: Weiße Rattanmöbel, weiße Gefäße weißer Boden. Die Pflanzen sind extrem schwer und das Design der Gefäße bietet keinen Rand zum Zupacken. Trotzdem verwerfe ich den Gedanken, unsere Sackkarre zur Hilfe zu holen. Ich erinnere mich an das weiße Fell, welches fast das ganze Wohnzimmer bedeckt hatte. Das können wir nicht machen!!! Also tragen wir die Pflanzen keuchend zum Fahrstuhl. Ich muss die ganze Zeit überlegen, ob das weiße Fell von einem Eisbären ist. Ist sowas erlaubt? Oder waren es doch 200 Albinomeerschweinchen? Hier brauchen wir etwas länger und sind außerdem klatschnass geschwitzt. Die Dame hat uns in Ruhe unsere Arbeit machen und wir werden sehr freundlich verabschiedet.

 

11:05 Uhr

Wir sitzen im Auto und versuchen, während der Fahrt zu regenerieren.

 

11:19 Uhr

Auf den nächsten Kunden freue ich mich. Ein ca. 80jähriger Professor, der schon seit Jahren bei uns überwintert. Leider blöd mit dem Auto anzufahren, wir müssen die Pflanzen über eine lange Strecke hinweg transportieren. Immerhin ebenerdig und er hat auch keine großen Kaliber zu überwintern. Visuell erleben wir hier ein optisch wohltuendes Kontrastprogramm. Die Wohnung quillt über vor Büchern, Aufzeichnungen und Notizen. Das Chaos ist so überaus sympathisch, dass wir die angebotene Tasse Tee sehr gerne annehmen. Er hat ganz viele kleine und mittlere Pflanzen für die Überwinterung in völlig willkürlich durcheinander gewürfelten Töpfen auf seiner Terrasse stehen. Wie jedes Jahr, erfahren wir bei jeder Pflanze, die wir hinaustragen die entsprechende Hintergrundgeschichte. Die ist aus Kolumbien, die aus der Mongolei, die nächste ist aus Peru und die letzte hat sein kleiner Urenkel mit ihm zusammen eingepflanzt. Auf die sollen wir besonders aufpassen. Dabei schießt mir der Gedanke durch den Kopf, dass es auch mal schön wäre, wenn jemand auf den Professor aufpasst. Eine ordnende Hand täte seiner Wohnung gut und jemand, der ihm sagt, dass er für diesen kalten Oktobertag viel zu leicht angezogen ist, auch. Er führt uns abschließend noch zu einer großen Buchskugel im Garten, die er versetzen möchte. Das neue Pflanzloch hat er schon gegraben und die Pflanze liegt ausgegraben auf dem Rasen. Ob wir jemanden kennen würden, der ihm das gute Stück einpflanzen würde. Er habe sich beim Gewicht vertan und jetzt könne er nicht mehr. Na ja, was soll ich sagen. Der Tee war gut, die Geschichten auch und so war der Buchs fünf Minuten später eingepflanzt. Karmapunkte gesammelt!!!

 

12:15 Uhr

Der Professor hat unseren Zeitplan etwas in Schieflage gebracht. Dafür hat der nächste Kunde seine Pflanzen schon am Gartenzaun aufgereiht. Dadurch spart er sich Zusatzkosten, die anfallen, wenn wir die Pflanzen von irgendwoher tragen müssen. Leider will er weitersparen, sodass wir bei jeder Messung eine Grundsatzdiskussion führen müssen. Je mehr Fläche die Pflanze belegt, umso höher die Überwinterungsgebühr. Wir brauchen eine ganze Weile, um ihm zu verdeutlichen, dass unsere Preise keine Verhandlungsbasis sind.

 

12:48 Uhr

Wir halten rechts und essen.

 

13:15 Uhr

Eine recht betagte Dame erwartet uns. Und ein recht betagter Oleander ebenfalls. Die Dame bittet uns herein und wir durchlaufen eine 50er Jahre Wohnwelt. Damals hat man einen Schrank fürs Leben gekauft, nicht nur für 3 Jahre. Die kleine Wohnung hat sie nach dem Tod ihres Mannes bezogen und man sieht, dass sie Mühe hatte, die Möbel ihres früheren Lebens unterzubringen. Wir schneiden ihr den Oleander an Ort und Stelle. Das tut der Pflanze gut und auch dem Geldbeutel der Dame schadet es nicht. So prall gefüllt scheint dieser nicht zu sein. Immer wieder schön zu sehen: überall in der Wohnung Kölle-Produkte, von der Orchidee bis hin zur grünen Pflanzkelle.

 

13:50 Uhr

Eine alte Villa in Halbhöhenlage. Wir werden von der Haushälterin empfangen, deren sprödes Wesen an den Einpeitscher der Rudersklaven auf einer Galeere im 18. Jahrhundert erinnert. „Hier lang“, „Aufpassen“ und „Schuhe abputzen“ sind die, unsere Ohren umschmeichelnden, Schlagworte. Wir treffen im Garten auf einen Gärtner, der völlig verschüchtert die Hecke schneidet. Er bekommt von der Haushälterin sofort ein schneidiges Feedback bezüglich seiner Arbeitsqualität und -schnelligkeit. Wir nutzen den Moment der Ablenkung und entschwinden ihrem Blickfeld, bevor wir Gefahr laufen mit noch mehr Zuwendung bedacht zu werden. Das Restprogramm mit Vertragsabschluss durchlaufen wir Gott sei Dank unfallfrei.

 

15:30 Uhr

Wir sind eine ganze Weile unterwegs zum nächsten Kunden. Ein Anwesen im Vorort mit einem uns bekannten Kunden. Eine amerikanische Familie lebt hier. Das Grundstück erstreckt sich über mehrere terrassenförmig angelegte Rasenflächen. Beim Hochlaufen werden wir von einem gefühlten Dutzend Mährobotern attackiert. Die Amis sind für so Technikzeug eben zu haben. Und natürlich für Barbecue. Der Gasgrill hat die Dimensionen eines Atomreaktors. Der Hausherr empfängt uns lässig und ungezwungen mit den Worten „Hi, ihr wisst ja, wo die Sachen stehen“. Dann zieht er sich auf die Terrasse zurück und brütet über seinem Laptop. Leider hat er seine Pflanzen in Terracottatöpfen, das gibt natürlich Punktabzug. Mit Müh und Not bekommen wir die Pflanzen noch ins Auto. Jetzt müssen wir definitiv in Überwinterungsquartier und abladen.

 

17:10 Uhr

Das Auto ist wieder leer und langsam sind wir es auch. Wir kriechen durch den einsetzenden Berufsverkehr.

 

17:30 Uhr

Unser Handy klingelt. Der Kundenservice aus dem Gartencenter ist dran, weil sich der nächste Kunde bereits nach unserem Verbleib erkundigt hat. Das stresst zusätzlich zum Stau. Der Herr, den wir antreffen, hat offensichtlich einen wichtigen Folgetermin. Das hat den ungeahnten Vorteil, dass er uns beim Einladen hilft. Und das ist Einiges, denn er ist anscheinend ein Zitrus-Fan. Nachdem wir 15 stattliche Pflanzen verstaut haben, gilt es den letzten bangen Moment des Tages zu überstehen. Unser mobiles EC-Gerät ist nämlich der Meinung, schon Feierabend machen zu müssen. Nach einigen Re-Starts endlich berappelt es sich und wir sind erlöst.

 

18:10 Uhr

Wir laden ein letztes Mal im Überwinterungsquartier ab. Unsere Muskeln sagen auch, dass es jetzt reicht.

 

18:30 Uhr

Ankunft im Gartencenter, aber noch nicht Feierabend. Der Papierkram wartet noch auf mich. Bilder der Digitalkamera überspielen, Überwinterungsverträge ordnen und vernünftige Übergabe an den Kundenservice. Ein besonderer Witzbold unter den Kollegen sagt uns allen Ernstes, dass es schön sei, dass wir „auch mal wieder vorbeischauen würden“. Ich widerstehe der Versuchung, ihn mit einem unsere Tragegurte zu erwürgen. Ich schlage ihm stattdessen vor, ihn für das nächste Jahr mit in unser Team zu nehmen. Er wird blass, murmelt etwas von Bandscheibe und entfernt sich (plötzlich) humpelnd.

 

19:00 Uhr

FEIERABEND!!!

Das war ein ganz normaler Tag, wie ihn unsere Kolleginnen und Kollegen aus den Überwinterungsteams derzeit erleben. Ich persönlich habe die Überwinterung immer als Erlebnis gesehen. Allerdings als ein Erlebnis, das man jetzt nicht unbedingt länger als drei Wochen am Stück erleben muss. Also, der Stressfaktor ist hoch, der Spaßfaktor allerdings auch. Von daher muss jeder selber wissen, was er daraus macht, wenn es mal wieder heißt: „ 5. Stock, Dachterrasse, kein Aufzug…“.

 

Bis bald, Ihr Johannes Kraut

 

Ach ja, falls Sie auch ein hübsches Exemplar zum Überwintern haben, oder einen starken Gärtner brauchen, dann schauen Sie doch mal auf die Seite unserer Dienstleistungen.

 
 

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