Nur mal am Rande: "Der Baumkauf - Familien am Scheideweg nach Johannes Kraut"

Ich persönlich meine ja, dass man viele Sachen gerne gemeinsam machen kann, z. B. Häuser kaufen, den Urlaub planen, einen Bankraub durchführen oder Kinder zeugen. Aber der gemeinsame Kauf des alljährlichen Nadeldekoobjektes ist tunlichst zu vermeiden.

„Die am meisten gefährdete Gruppe ist leider die klassische Durchnittsfamilie: Er, 42 — Sie, 39 und 1,4 Kinder (einskommavier!), wegen des Praxisbezuges hier als Einzelkind dargestellt.

Die „Randgruppen“ teilen sich auf in „junges Paar“ und „altes Paar“. Beide Varianten sind problemlos. Die beiden jungen Frischverliebten ziehen vielleicht in die erste gemeinsame Wohnung und können die Augen sowieso nicht voneinander lassen. Alles ist toll und eigentlich könnte man ihnen auch einen festlich geschmückten Schneeschieber verkaufen. Das würden die gar nicht merken.
 
Die älteren Paare haben beim Baumkauf schon vor vielen Jahren einen inneren Friedensvertrag geschlossen. Die Kompetenzen sind klar geregelt.
 
Zurück zur Risikogruppe…hier bestehen oft im Vorfeld schon völlig unterschiedliche Vorstellungen. Während SIE gedanklich den Baum schon farblich perfekt abgestimmt nach Feng Shui und nachhaltig produziertem Bauschmuck aus dem Dritte Welt Laden aufgestellt hat, geht ER das Thema eher pragmatisch an. Das Ding soll nicht die Welt kosten, schließlich fliegt er in drei Wochen wieder raus. Manchmal, wenn er mutig ist, stellt er sogar die Anschaffung an sich in Frage. Darüber geht die Gattin dann allerdings mit einem gefährlichen Augenrollen hinweg. Außerdem sorgt er sich darum, dass sein kostbarer Leasing-Familienkombi mit Tannennadeln versaut wird. Und der Nachwuchs (lassen wir ihn mal sieben Jahre alt sein, weiblich und mit blonden Locken) will es am Liebsten riesengroß haben. Schon allein wegen dem dadurch zur Verfügung stehenden Stauraum unter dem Baum für die Geschenke.
 
Gleich nach dem Eintreffen auf der Verkaufsfläche trennen sich die Wege. Sie lässt sich die Bäume ihrer Wahl einzeln vorführen und entscheidet sich keinesfalls, bevor der Verkäufer nicht mindestens 114 Bäume aus den Steinen rausgewuchtet, auf den Hauptweg gestellt, dreimal gedreht und wieder zurückgestellt hat.
 
Er hingegen legt den Fokus beim Durchschreiten der Reihen auf die Kontrolle der Preisetiketten und driftet so auf natürliche Weise immer weiter in den Bereich ab, in dem die Preiseinstiegsbäume stehen. Dort verharrt er einen Moment und entscheidet sich dann für das Modell „am wenigsten hässlich“ und schließt das Thema Baumkauf damit gedanklich ab. Auch möchte er ungern durch Beratung belästigt werden.
 
Die Zusammengehörigkeit der Partner kann man leicht daran erkennen, dass sie abwechselnd den Namen der Tochter rufen, die irgendwo auf dem Areal durch die Reihen flitzt. Natürlich ohne darauf zu achten, was die Kleine gerade tatsächlich tut.
 
Wenn SIE sich gerade für ein prächtiges Modell entschieden hat (in etwa so dimensioniert, wie der Baum am Rockefeller Center in New York), kommt er mit seinem benadelten Zahnstocher um die Ecke.
 
Der an seinem Leben hängende Verkäufer, der ein wenig Berufserfahrung hat, zieht sich nun zurück. Denn hier wird es unter Umständen gleich heftig.
 
Beim Anblick IHRES Baumes, wird er blass. Ist das ihr Ernst? Das Auto wird aussehen wie Sau, der Preis halbiert seine Weihnachtsgratifikation und für das blöde Ding reicht der Ständer vom letzten Jahr niemals. Dafür muss man ja ein Fundament gießen. Er vereinigt diese Ängste in dem Satz „Schatz, sollen wir etwa das Wohnzimmer ausräumen?“
 
SIE schaut SEINEN Baum an, als wäre es ein Insekt. Was soll das? Diese Karikatur eines Baumes kommt ihr nicht mal ins Gäste-WC. Hätte sie ihren Mann bloß nicht mitgenommen. War ja klar, dass er sowas anschleppt. Sie überhört seine ungebührende Aussage und setzt ihrerseits ein „es ist doch nur einmal Weihnachten im Jahr dagegen“. Argumentativ ist das natürlich richtig, aber ihr Meisterstück macht sie mit der Bemerkung, die sie anschließend nachschiebt…“denk doch daran, wie sehr sich die Kleine freuen wird…“
 
Das ist insofern unfair, als dass ein Vater seiner siebenjährigen Tochter auch nach stundenlangem Nein-Sagen-Üben vor dem Spiegel NIEMALS was abschlagen kann. Kraut ist auf diesem Gebiet leidgeprüft.
 
Er lässt seinen Minibaum fallen und versucht sich in Schadensbegrenzung. Versucht, ihr alternative (kleiner+billiger) Varianten zu zeigen. Sie lächelt milde und zerpflückt seine Vorschläge milde, aber bestimmt.
 
Die Schlacht ist endgültig in dem Moment geschlagen, als das Töchterchen um die Ecke kommt und den Solitärbaum der Mutter entdeckt. Unter dem Einsatz riesengroßer Kulleraugen stellt sie die, unweigerlich zu seiner Kapitulation führende Frage „oooh, Papa…DEN kaufst du uns…?“
 
Klar, macht er das!
 
Im Abspann zieht die Familie nebst Baum von dannen. Sie mit einem triumphierenden Gesichtsausdruck. Er mit dem inneren Wunsch, das Fest mit seinen Kumpels und drei Kästen Bier im Hobbykeller zu verbringen. Und die Prinzessin glücklich hopsend und unaufhörlich plappernd.
 
An dieser Stelle kann die Geschichte unterschiedliche Verläufe nehmen, natürlich auch positive. Gefährlich wird es nur, wenn die Klassiker Schwiegermutterbesuch, falsches Geschenk, Jogginghose am Feiertag oder zur Beurteilung der Kochkünste der Gattin Vergleiche mit den Kochfähigkeiten der eigenen Mutter zu benutzen, eskalierend auf die Gesamtsituation einwirken.
 
In diesem Sinne wünsche ich einen harmonischen Baumkauf…
 
Ihr Johannes Kraut"